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Kaukasen
küsst man nicht
(Wolfgang
Walther)
Ein
Tierbuch? - Nicht nur.
Eine
Naturbeschreibung? - Ja, auch.
Gegenwartsliteratur?
- Könnte man so sagen.
Ein
Abenteuerroman? - Sicherlich.
Ein
Krimi? - Teilweise.
Eine
spannende Geschichte? - Bis zur letzten Zeile!
*****
Dieses
Buch ist von allem ein bisschen und zugleich viel mehr. Liebe und
Hass, Freud und Leid, Treue und Verrat findet sich darin ebenso
wieder wie Sehnsucht und Hoffnung, Frohsinn und Angst, Leben und
Sterben, Ende und Anfang. Die Geschichte fesselt den Leser durch
bildhafte, einfühlsame Beobachtungen der Natur und lässt ihn
hoffend und bangend gemeinsam mit den vierbeinigen Helden
Abenteuer erleben. Eingebettet in eine spannende Handlung geht der
Leser mit den Herdenschutzhunden auf die Reise. Sie beginnt in den
wilden Bergen des Kaukasus und endet in der Zivilisation der Großstadt.
Dabei wird schnell klar, dass diese herrlichen Tiere nicht in die
Stadt gehören und dass sie keine Familienhunde sind.
Kraftstrotzend und selbstbewusst wollen sie nur eines: Das
Territorium verteidigen und die Herde beschützen. Das ist ihnen
angeboren, in dieser Aufgabe finden sie ihre Erfüllung.
*****
Einauge lag auf einem Felsvorsprung und sah
den Abhang hinunter. Weit unter ihm lagerte die Herde. Die Feuer
der Hirten flackerten als winzige, rote Punkte durch die Nacht.
Die Wölfin kam heran. Sie legte sich neben Einauge auf den Fels.
Beide schauten mit funkelnden Augen in die Tiefe. Für die Schönheit
der Nacht hatten sie keinen Blick. Sie wussten nur eines: Dort
unten war Fleisch. Schon bald konnten sie es aus warmen Leibern
reißen und gierig hinunterschlingen. Unter ihren starken Kiefern
würden Knochen brechen und heißes Blut würde fließen. Heute
nicht, morgen nicht -
aber bald.
*****
Im
fernen Kaukasus lebt Boris, Rudelführer der Herdenschutzhunde.
Ihm und seinen Owtscharki sind die Rinder- und Schafherden
anvertraut. Auch die Menschen bauen auf Stärke und Intelligenz
ihrer vierbeinigen Begleiter. Lang und kalt sind die Winter im
Gebirge. Eines Tages taucht der schwarze Wolf wieder auf. Ein
Kampf scheint unvermeidlich.
Ganz
anderer Art sind die Abenteuer der jungen Bessie in der großen
Stadt. Mehr und mehr wird sie zum ungeliebten Anhängsel. Gibt es
eine Lösung?
Schließlich
ist da noch Tibor, der große, furchtlose Rüde. Zur rechten Zeit
tritt er in das Leben der Familie Foerster.
*****
Die
vierbeinigen Helden unserer Geschichte, deren Wege sich auf
wunderbare Weise kreuzen, sind durch Blutsbande miteinander
verbunden. Nach zahlreichen Abenteuern scheint sich schließlich
alles zum Guten zu fügen. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn das
Schicksal hat sich noch nicht entschieden.
*****
216
Seiten, A 5 broschiert, 10 Farbfotos
- ISBN
3-8334-3005-2 -
14,90 Euro
Leseprobe
Als
er auf der Kuppe des kleinen Hügels anlangte, blieb Tibor stehen
und schaute zurück. Weit entfernt konnte er in dem winzigen Punkt
die Gestalt der Frau erkennen. Sie rief noch immer diese Worte,
die er nicht verstand, rief noch immer jenen Namen, der nicht
seiner war. Tibor hörte Verzweiflung in ihrer Stimme. Die klare
Luft trug weit. Fast tat es ihm leid, dass er nicht bei diesen
Menschen geblieben war. Aber er konnte nicht anders. Sein ganzes
bisheriges Leben lang hatten die Menschen ihn gefangen gehalten.
Jetzt rief die Freiheit mit gebieterischer Kraft. Der Owtscharka
drehte sich um und trabte den Hügel hinunter. Nach etwa fünfhundert
Metern begann der Wald. Ein schmaler Wildpfand schlängelte sich
zwischen dicht stehenden Kiefern nach Süden. Ohne zu zögern lief
der Hund den Weg entlang.
Es
war Ende September.
Längst
waren die Störche auf ihrem Weg nach Süden, und auch alle
Schwalben befanden sich auf der Reise. Herrlicher Herbst hatte mit
einer erfrischenden Regenperiode die heißen Sommerwochen abgelöst.
Das machte staubige Tage voll flirrender Mittagshitze ebenso
vergessen wie trockene Wege und dürstende Wiesen. Feuchte
Rinnsale dehnten sich zu murmelnden Bächen, schmale Lachen zu
lebenden Teichen. Die Natur glich aus, was sie in der langen
Sommerzeit versäumt zu haben schien. In der Luft schwang noch die
Frische des Morgens. Tibor wurde des Staunens nicht müde. Was für
eine Welt! Der Hof des Tierheimes mit seiner Zwingerbox und zuvor
der Hof mit seiner Kette - mehr kannte er nicht. Die Erinnerung
des kleinen Hundes an eine Sommerwiese war zu lange her, als dass
er sie hätte hervorholen können. Während seiner Genesung waren
die Leute aus dem Tierheim ab und an mit ihm im angrenzenden
Wildpark spazieren gegangen. Bäume, Sträucher, Gräser - all das
kannte Tibor bereits. Man hatte ihm Gelegenheit gegeben, lange und
ausgiebig Wegränder zu beschnuppern und fremde Gerüche zu
sortieren. Er wusste auch, dass es noch andere Lebewesen als Hunde
und Menschen gab. Doch all das lag für ihn weit zurück, und er
beeilte sich, es zu vergessen. Jetzt war er frei, in einer neuen
Welt, in einem neuen Leben.
Der
Owtscharka hatte kein Ziel.
Er
lief einfach weiter. Rast machte er nur, um aus einem der
zahlreichen Bäche das kalte, klare Wasser zu trinken. Mit seinen
ausgeprägten Sinnen nahm der Hund die kleinsten Geräusche wahr.
Er roch die feinste Spur und erkannte, wann und in welche Richtung
der Fuchs seinen Weg gekreuzt hatte. Tibor hörte das Rascheln der
Haselmaus im dichten Laub und sah den Specht in seiner Baumhöhle
verschwinden. Er registrierte jede Bewegung, jeden Laut. Fast
alles war neu, und doch irgendwie vertraut. Der ihn umgebene Wald
wurde dichter. Zahlreiche Spuren kreuzten seinen Weg. Er kannte
keine davon. Ringsumher wuchsen große Fichten zwischen
zahlreichen Laubbäumen. Das Laub hielt noch am sommerlichen Grün
fest. Lautlos schlängelte sich eine Ringelnatter durchs feuchte
Gras.
Die
Sonne ging unter.
Der
Owtscharka langte am Rand einer kleinen Lichtung an. Er verspürte
keine Lust mehr, weiter zu gehen. Stundenlanges Laufen in frischer
Waldluft ermüdet selbst einen großen Hund. Tibor legte sich auf
das weiche Gras und schlief sofort ein. Auf einem Hügel hinter
dem Wald erhob sich der mächtige Bergfried der Burg Rabenstein.
Tibor war im Fläming angelangt. Der kleine Höhenzug mit sanften
Hügeln und dichten Mischwäldern beherbergte zahlreiches Wild.
Damhirsch, Reh und Wildschwein, sogar Mufflons fanden hier eine
Heimstatt. Fuchs und Marder zogen sorglos ihre Jungen auf. Der
Bussard drehte stolz am Himmel seine Kreise. Tibor schlief, doch
der Wald um ihn herum war voller Leben. Unweit rief der seltene
Rauhfußkauz eine Botschaft in die Nacht. Von irgendwoher
antwortete die Waldohreule. Eine Rötelmaus beendete ihr Leben mit
einem dünnen Schrei unter Meister Reineckes spitzen Zähnen. Unermüdlich zirpten Grillen. Lautlos trat
die Ricke aus dem Wald und schaute lange zu dem unbekannten,
reglos liegenden Tier. Schließlich entschied sie, dass keine
Gefahr von ihm ausging und trat auf die Lichtung, um sich an
frischem Gras und schmackhaften Kräutern zu laben. Die zur Gruppe
gehörenden Tiere taten es ihr gleich. Der Owtscharka registrierte
jedes Geräusch. Ein Herdenschutzhund schläft nie vollständig.
Er hat zwar die Augen geschlossen, atmet tief und ruhig, aber
gleichzeitig sind alle Sinne auf seine Umgebung gerichtet. Bei der
geringsten Gefahr springt er auf und ist sofort hellwach. An
dieser Nacht war nichts bedrohlich. Wer sollte auch einem fast
zwei Zentner schwerem und knapp einem Meter großem Raubtier gefährlich
werden?
Der
Nachtwanderer hatte seinen Weg noch nicht beendet, als seine
ewige, unerfüllte Liebe erwachte. Mit flammendem Rot überzog die
Sonne den Morgenhimmel und begrüßte den neuen Tag. Sie winkte
dem Mond einen flüchtigen Gruß zu und stieg rasch höher. Tibor
wurde von warmen Sonnenstrahlen wachgekitzelt und nieste. Seinen
Durst stillte er im nahen Bach. Er sah sich unschlüssig um und
lief schließlich in Richtung des gegenüberliegenden Waldes. Er
hatte Hunger. Aber wo bekam er etwas zu fressen her? Der Hund
hatte nicht gelernt zu jagen. Obendrein kannte er die Tiere des
Waldes nicht. Er wusste nicht, wo und wie er Beute machen konnte,
welche Spuren er verfolgen sollte. Tibor besaß die Kraft eines
Riesen und das Wissen eines Welpen. Den ganzen ersten Tag seines
neuen, freien Lebens lief er erfolglos durch Wald und Flur. Dabei
bemühte er sich, den Behausungen der Menschen nicht allzu nahe zu
kommen. Erfolg bei der Nahrungssuche war ihm nicht beschieden.
Schließlich fraß er einige Grashalme und würgte sie wieder
hervor. Das reinigte zwar den Magen, brachte darüber hinaus aber
nicht viel. Am zweiten Tag stieß er gleich zu Beginn seiner Suche
auf den Kadaver eines Hasen. Das Langohr hatte eine ziemlich große
Bauchwunde. Tibor verschlang den bereits steif gewordenen Körper
mit Haut und Haar. Zufrieden legte er sich unter eine Baumgruppe
und schlief ein. Die folgenden Tage waren mehr von Hunger als vom
Jagderfolg gekennzeichnet. Mal erwischte Tibor eine unvorsichtige
Maus, dann wieder überraschte er ein Birkhuhn im Halbschlaf. Er
grub Würmer aus und bekam dabei einen Maulwurf zu fassen. Selbst
Frösche und Käfer verschmähte er nicht. Jedoch war all das nur
geeignet, Appetit zu machen. Seinen Hunger stillten die kleinen
Happen keineswegs. Einmal lief ihm ein junges Reh direkt vors
Maul. Er brauchte nur noch zuzufassen. Der Owtscharka grub seine Zähne
in das warme Fleisch und schlang, bis er nicht mehr konnte.
Anschließend legte er sich zufrieden in den Schatten einer Buche
und verschlief den Rest des Tages. Das Reh reichte für fünf
Tage. Dann bekam Tibor wieder Hunger.
*****
Rädigke
feierte Erntedank.
Jedes
Jahr veranstaltete Gastwirt Bernd Moritz in seinem Gasthof “Zum
Taubenhaus” ein großes Herbstspektakel. Haus, Hof, Scheune und
die große Wiese am Bach waren Schauplatz für fröhliches
Treiben. Sensendengler, Hufschmiede, Korbflechter - jede Art alten
und neuen Handwerks konnte bestaunt werden. Die angefertigten
Produkte wurden gleich verkauft und fanden reißenden Absatz. Von
überall her kamen Schaulustige und Gäste. Das Erntedankfest in
Moritz’ Gasthof war berühmt. Dazu gab es selbstverständlich
Deftiges aus Topf und Pfanne, und manch einer hätte gern noch
mehr gegessen. Kräftiges Bier und frisches Brot durfte ebenfalls
nicht fehlen. Die freiwillige Feuerwehr hatte die Durchfahrtsstraße
abgesperrt und eine Umleitung organisiert. Gleichzeitig richteten
die Kameraden mehrere Parkplätze ein. Alle Einwohner des kleinen
Flämingdorfes waren an diesem Sonntag auf den Beinen und mit dem
Fest verbunden.
Auch
im Hof des Hinzebauern blieb keiner zu Hause.
Niemand
bemerkte das riesige Tier, das sich am Drahtzaun des Hühnerauslaufes
zu schaffen machte. Natürlich bellte der Hofhund wie wild, aber
der war eingesperrt und sicher auch ganz froh darüber. Eine
Konfrontation mit dem Eindringling wäre für ihn übel
ausgegangen. Das Bellen, wenn man es überhaupt hörte, nahm
keiner ernst. Den ganzen Tag bellten überall Hunde. Fremde waren
im Ort, es war Trubel - da musste ein ordentlicher Hund bellen.
Der Owtscharka hatte vergeblich versucht, sich unter dem Zaun
hindurchzugraben. Vor seiner Nase liefen unzählige Hühner hin
und her und machten ihm mit ihrem sinnlosen Gegacker mehr und mehr
Appetit. Tibors Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Seit
vier Tagen hatte er nichts mehr gefressen. Nicht mal eine mickrige
Maus war ihm zwischen die Zähne gekommen. Er starrte auf das
lebende Futter vor ihm. Speichel floss aus seinem Maul. Unschlüssig
lief der Hund am Zaun auf und ab. Aus dem Dorf kamen die verführerischsten
Gerüche. Der Hof, hinter dessen Zaun sich sein Abendessen befand,
lag etwas abseits am Hang. Bis zum Wald waren es höchstens
dreihundert Meter. Lange hatte Tibor aus dem Unterholz heraus das
Anwesen beobachtet, bevor er sich zur näheren Erkundung
entschloss. Wäre dieser nagende Hunger nicht, würde er
menschlichen Behausungen niemals nahe kommen. Zu tief war das
Misstrauen in ihm, zu frisch die Erinnerung an Misshandlung und
Qual. Der Owtscharka stellte sich am Zaun hoch und stemmte sein Körpergewicht
gegen den Maschendraht. Links und rechts von ihm staken die
Pfosten nicht sehr fest in der Erde. Sie gaben nach. Tibor fiel
mitsamt dem zu Boden gehenden Zaunfeld in den Hühnerhof. Lärmend
stob das Federvieh auseinander. Wie ein Wirbelwind fuhr der Hund
zwischen die Hühner und würgte, was er zu fassen bekam. Er fiel in einen Rausch und tötete, bis
sich nichts mehr regte. Stille. Selbst der Hofhund gab keinen Laut
von sich. Von unten drang leise Tanzmusik herauf. Der Hinzehof lag
etwas erhöht. Bis zur Ortsmitte waren es zehn Minuten Fußweg.
Durch die entstandene Lücke im Zaun konnten die meisten Hühner
nach draußen fliehen und hatten sich rings um das Gehöft
verteilt. Zehn, fünfzehn Stück Federvieh jedoch lag tot am
Boden. Tibor machte keine großen Umstände und fraß das erste
Huhn innerhalb von fünf Minuten. Nur die Beine ließ er übrig.
Es war eine kleinwüchsige Rasse. Für den zweiten Vogel brauchte
er etwas länger. Dann versuchte er, drei seiner Beutetiere
mitzunehmen, schaffte allerdings nur zwei. Das dritte Huhn
rutschte ihm immer wieder aus dem Fang. Bedauernd ließ er es zurück.
Missmutig gab ihm sein übervoller Magen zu verstehen, dass er
schnelles Laufen nach dem Essen überhaupt nicht mochte. Tibor war
klug genug, auf ihn zu hören und hielt auf dem Berg an. Er legte
sich auf den Boden und schlief sofort ein. All seine Sinne waren
auf die Geräusche des Dorfes gerichtet. Die Sonne stand tief am
Himmel. Die Menschen feierten. Als der Abend hereinbrach, gingen
auf dem Moritzhof und dem Festplatz die Lichter an. Es herrschte
ausgelassene Stimmung. Der Hinzebauer war mit seiner ganzen
Familie ebenfalls dort. Niemand hatte den Überfall bemerkt.
Tibor
lief nach dem Erwachen eine halbe Stunde in schnellem Trab tiefer
in den Wald, bis er eine günstig scheinende Stelle fand. Dort
grub er die beiden Hühner ein und lief noch einmal zurück.
Jammerschade um das schöne Fressen. Er wollte es nicht zurücklassen.
Diesmal gelang es ihm, drei der vormals stolzen Eierleger zugleich
am Hals zu fassen und wegzutragen. Der Hund war klug genug, sein
Glück nicht weiter auf die Probe zu stellen. Er beließ es bei
den fünf Hühnern, die er gut versteckte. Eigentlich hätte er
sich jetzt schlafen legen sollen. Aber eine innere Stimme sagte
ihm, dass es besser wäre, den Schlafplatz einige Kilometer weiter
weg zu wählen. Tibor lief bergan, bis die Burg Rabenstein in
Sicht kam. Dort bog er nach links ab, unterquerte wenig später
die Autobahn und wandte sich in Richtung Klein Marzehns.
Irgendwann entdeckte er am Rande eines Birkenwäldchens eine vom
Regen ausgewaschene Mulde. Dies schien ein guter Platz. Der
Owtscharka rollte sich in eine bequeme Stellung und lauschte in
die Nacht. Alles war ruhig. Von weit her trug der Wind die Geräusche
der Autobahn. Feiner Nieselregen setzte ein.
*****
“Und
ich sage dir, es war ein Wolf!”
Der
Hinzebauer schlug mit seiner Faust auf den Tisch, dass die Gläser
wackelten.
“Mach
dich nicht lächerlich, Paul. Wo soll denn hier auf einmal ein
Wolf herkommen.”
Zum
wiederholten Male erhitzte dieses Thema die Stammtischrunde. Bauer
Hinze hatte am Tag nach dem Erntedankfest den niedergetrampelten
Drahtzaun und die toten Hühner entdeckt. Das restliche Federvieh
war rasch eingefangen, auch der Zaun konnte schnell repariert
werden. Eine Zählung der übrig gebliebenen Vögel wäre ziemlich
sinnlos gewesen, denn Hinze wusste nicht, wie viele Hühner er
eigentlich besaß. Nach den umherliegenden Überresten zu
urteilen, hatte der Eindringling mindestens acht seiner Eierleger
gefressen. Ein Fuchs schaffte das nicht. Ein Marder hätte sicher
nicht so viele flatternde Leckerbissen am Leben gelassen. Ein
wildernder Hund wäre über den Zaun geklettert oder hätte sich
darunter durchgegraben. Es konnte nur ein Wolf gewesen sein. Der
demolierte Zaun sprach für ein riesiges, starkes Tier. Die
entdeckten Spuren unterstützten ebenfalls diese Theorie.
“Der
hat Pfoten, so groß wie meine Hand.”
Zur
Bekräftigung legte der Bauer seine schwielige Hand auf den Tisch
und machte mit den Fingern eine krallende Bewegung.
“Schade,
dass der Regen alle Spuren verwischt hat, was Paul?”
Grinsend
schaute Willi Ehrenberg vom Nachbartisch herüber. In der Nacht
des Erntedankfestes war aus Richtung Coswig / Wittenberg ein
breites Regenband herangezogen und hatte alle Spuren verwischt.
Hinze wurde sich mit Grabow, Möbius und Menkenhagen einig, dass
eine Suche mit Jagdhunden erfolglos bleiben würde. Die drei
gingen, wenn es ihre karge Freizeit erlaubte, dem Waidwerk nach.
Ihnen kamen auch manchmal wildernde Hunde vor die Flinte. Leider
mussten sie immer diese Tiere schießen. Im vorliegenden Fall lag
außer Hinzes Aussage kein Anhaltspunkt vor. Auch aus Raben,
Neuendorf und Buchholz trafen keine diesbezüglichen Meldungen
ein. Der angebliche Wolf hatte sich nach jener Nacht nicht wieder
bemerkbar gemacht. Dessen ungeachtet bestimmte er seit einer Woche
die Gespräche am Stammtisch und im Dorf.
“Vielleicht
bist du ja selber gegen deinen wackligen Zaun gefallen und hast
dabei deine eigenen Hühner erschlagen”, witzelte einer seiner
Tischnachbarn.
“Ganz
sicher nicht, du Klugscheißer!”
Paul
Hinze wurde langsam wütend. Er hatte den Schaden und dazu noch
den Spott der Leute.
“Vielleicht
war es ja auch dein Bernhardiner, der meinen Zaun niedergewalzt
und dann die Hühner gekillt hat. Das Gewicht dazu hat er, und so
oft wie er dir schon ausgerissen ist, wäre es gar nicht so
unwahrscheinlich. Darüber solltest du mal nachdenken.”
Der
Bauer machte ein verlegenes Gesicht. Paul hatte recht. Der Rüde
war schon mehrfach ausgebüxt und durchs Dorf gestromert. Dabei
hatte wohl auch schon mal ein Huhn dran glauben müssen. Aber so
etwas? Nee, nee, das machte sein Asko nicht. Bevor Erich Gotthardt
zu einer Erwiderung ansetzen konnte, mischte sich der Wirt ein.
“Hört
auf zu streiten, Leute. Wolf oder nicht Wolf. Irgendein Tier hat
dem Paul die Hühner abgemurkst. Daran besteht kein Zweifel. In
Sachsen soll es ja wieder Wölfe geben, vielleicht sind sie auch
schon in Sachsen Anhalt, wer weiß. Möglicherweise hat sich einer
zu uns verirrt. Kann alles sein. Allerdings habe ich noch nicht
gehört, dass Wölfe Zäune niederreißen. Wenn der Pfotenabdruck
wirklich so groß wie deine Hand war, Paul, dann haben wir es mit
einem Grizzlybären zu tun.”
“Nun
ja, ganz so riesig war die Spur vielleicht doch nicht”, gab der
Angesprochene zögernd zu.
“Aber
es war ein großes, schweres Tier.”
“Jedenfalls
nicht mein Asko”, rief Bauer Gotthard dazwischen.
“Das
behauptet doch keiner, Erich. Bleibt doch mal friedlich.”
Gastwirt
Moritz versuchte, die Situation zu entspannen.
“Ob
nun ein wildernder Hund, ein Wolf oder zweibeinige Hühnerdiebe,
die den Festtrubel ausgenutzt haben - ein weiteres Mal ist Gott
sei Dank nichts passiert. Vielleicht bleibt es dabei. Jedenfalls
sollten unsere Waidmänner”, dabei nickte er in Richtung des
Fenstertisches, an dem die Freizeitjäger saßen, “in nächster
Zeit ruhig öfter und länger ihren Pirschgang machen. Alle
anderen halten ebenfalls die Augen offen. Wer irgendetwas Verdächtiges
bemerkt, sagt mir sofort Bescheid. Ich sorge schon dafür, dass es
dann unter die Leute kommt. Und jetzt gebe ich einen aus.”
Hocherfreut
über die ungewohnte Spendierlaune des Wirtes nahmen die Gäste
ihre Unterhaltung wieder auf. Das “Taubenhaus” war an diesem
Samstagabend gut besucht. Bernd Moritz hatte einige Zeit zu tun,
alle Gläser für die Stubenlage zu füllen. Die Gespräche an
allen Tischen drehten sich ausnahmslos um Wölfe. Es wurde
Mitternacht, ehe der Wirt die Tür hinter dem letzten Gast schließen
konnte.
*****
Kaukasen
küsst man nicht - 216 Seiten, A 5 broschiert, 10 Farbfotos
- ISBN
3-8334-3005-2 -
14,90 Euro
Hintergründe
Sehr
geehrte Damen und Herren,
seit
1997 ist auf unserem Grundstück ein Kaukasischer Owtscharka, eine
Hündin, zu Hause. Es ist ein Fundhund, der von Unbekannten an
einen Laternenpfahl in Potsdam angebunden wurde. Mitarbeiter des
Tierheimes befreiten ihn aus seiner misslichen Lage und 14 Tage später
zog „Jana“ bei uns ein. Ohne Ahnung von dieser Rasse zu haben,
ja ohne Hundeerfahrung überhaupt, ließen wir uns auf dieses
Abenteuer ein. Neben guter Fachliteratur, halfen uns unter anderem
auch zahlreiche Beiträge in Fernsehsendungen zu diesem Thema,
sowie Ratschläge von „Listenmitgliedern“ mit den Eigenarten
und Besonderheiten eines Herdenschutzhundes zurecht zu kommen, der
nichts anderes im Kopf hat, als seine Herde zu beschützen und das
Territorium zu verteidigen.
Geboren
aus den vielen kleinen Erlebnissen, die wir auf Spaziergängen
hatten, aus meiner Liebe zu Tieren und der Natur generell und natürlich
mit einer gehörigen Portion Fantasie versehen, entstand dieser
Roman, den ich Ihnen hiermit empfehlen möchte.
Das
Buch „Kaukasen küsst man nicht“ ist weder Fachliteratur noch
erhebt es Anspruch auf Wahrhaftigkeit in allen Teilen. Dennoch
gibt es einen kleinen Einblick in das Wesen dieser prächtigen
Hunde, die unter den geschilderten Umständen gar nicht anders
handeln können. Wenn es auch insgesamt eine erfundene Geschichte
ist und so mancher Kenner oder Züchter bei manchen Stellen die Hände
über dem Kopf zusammen schlagen wird, so ist es doch, wie ich
finde, ein schönes, spannendes Buch geworden, das anschaulich den
(möglichen) Weg einer Hunderasse vom Ursprungsgebiet nach
Deutschland beschreibt. Auch sind sehr viele persönliche
Erlebnisse in die Erzählung mit eingeflossen, die mehr oder
weniger diese eigenwillige Rasse charakterisieren. Da Sie, bzw.
Ihr Verein/Liste/Interessengemeinschaft sich mit
Herdenschutzhunden beschäftigt, wird Sie die romanhafte
Bearbeitung dieses Themas sicher interessieren.
Unser
Kaukase ist nun mittlerweile neun Jahre alt, eine Hündin. Sie hat
Hüftprobleme, hatte schon mal einen Bänderriss, den wir
operieren ließen und rennt nicht mehr wegen jedes Radfahrers zum
Tor. Dennoch nimmt sie Ihre Wachaufgaben immer noch sehr ernst,
und es ist unmöglich, mit ihr in der Dämmerung weiterzugehen,
wenn hinter oder neben uns (wir wohnen an Wald und Feld) ein Fußgänger
mit oder ohne Hund oder ein anderes, bewegliches Objekt auftaucht.
Dennoch,
oder vielleicht gerade deshalb, wird unser nächster Hund wieder
ein Kaukase sein, und dass es ein Tierheimhund sein wird, ist auch
klar.
Wolfgang
H. Walther
Damsdorf,
Mühlenstraße 13
14797
Kloster Lehnin
Tel.:
03382/702778 - Fax.: 040 3603 583696
Funk:
01728808169 - E-Mail: wolwalther@aol.com
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