Inhaltsverzeichnis

Tiere suchen ein Zuhause

Leseprobe

Kaukasen küsst man nicht

 

 

       

Kaukasen küsst man nicht Kaukasen küsst man nicht  (Wolfgang Walther)

Ein Tierbuch? - Nicht nur.

Eine Naturbeschreibung? - Ja, auch.

Gegenwartsliteratur? - Könnte man so sagen.

Ein Abenteuerroman? - Sicherlich.

Ein Krimi? - Teilweise.

 

Eine spannende Geschichte? - Bis zur letzten Zeile!

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Dieses Buch ist von allem ein bisschen und zugleich viel mehr. Liebe und Hass, Freud und Leid, Treue und Verrat findet sich darin ebenso wieder wie Sehnsucht und Hoffnung, Frohsinn und Angst, Leben und Sterben, Ende und Anfang. Die Geschichte fesselt den Leser durch bildhafte, einfühlsame Beobachtungen der Natur und lässt ihn hoffend und bangend gemeinsam mit den vierbeinigen Helden Abenteuer erleben. Eingebettet in eine spannende Handlung geht der Leser mit den Herdenschutzhunden auf die Reise. Sie beginnt in den wilden Bergen des Kaukasus und endet in der Zivilisation der Großstadt. Dabei wird schnell klar, dass diese herrlichen Tiere nicht in die Stadt gehören und dass sie keine Familienhunde sind. Kraftstrotzend und selbstbewusst wollen sie nur eines: Das Territorium verteidigen und die Herde beschützen. Das ist ihnen angeboren, in dieser Aufgabe finden sie ihre Erfüllung.

 

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Einauge lag auf einem Felsvorsprung und sah den Abhang hinunter. Weit unter ihm lagerte die Herde. Die Feuer der Hirten flackerten als winzige, rote Punkte durch die Nacht. Die Wölfin kam heran. Sie legte sich neben Einauge auf den Fels. Beide schauten mit funkelnden Augen in die Tiefe. Für die Schönheit der Nacht hatten sie keinen Blick. Sie wussten nur eines: Dort unten war Fleisch. Schon bald konnten sie es aus warmen Leibern reißen und gierig hinunterschlingen. Unter ihren starken Kiefern würden Knochen brechen und heißes Blut würde fließen. Heute nicht, morgen nicht  -  aber bald.

 

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Im fernen Kaukasus lebt Boris, Rudelführer der Herdenschutzhunde. Ihm und seinen Owtscharki sind die Rinder- und Schafherden anvertraut. Auch die Menschen bauen auf Stärke und Intelligenz ihrer vierbeinigen Begleiter. Lang und kalt sind die Winter im Gebirge. Eines Tages taucht der schwarze Wolf wieder auf. Ein Kampf scheint unvermeidlich.

 

Ganz anderer Art sind die Abenteuer der jungen Bessie in der großen Stadt. Mehr und mehr wird sie zum ungeliebten Anhängsel. Gibt es eine Lösung?

 

Schließlich ist da noch Tibor, der große, furchtlose Rüde. Zur rechten Zeit tritt er in das Leben der Familie Foerster.

 

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Die vierbeinigen Helden unserer Geschichte, deren Wege sich auf wunderbare Weise kreuzen, sind durch Blutsbande miteinander verbunden. Nach zahlreichen Abenteuern scheint sich schließlich alles zum Guten zu fügen. Doch die Ruhe ist trügerisch, denn das Schicksal hat sich noch nicht entschieden.

 

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216 Seiten, A 5 broschiert, 10 Farbfotos  -  ISBN 3-8334-3005-2   -   14,90 Euro

 

 

 

 

  Leseprobe

Als er auf der Kuppe des kleinen Hügels anlangte, blieb Tibor stehen und schaute zurück. Weit entfernt konnte er in dem winzigen Punkt die Gestalt der Frau erkennen. Sie rief noch immer diese Worte, die er nicht verstand, rief noch immer jenen Namen, der nicht seiner war. Tibor hörte Verzweiflung in ihrer Stimme. Die klare Luft trug weit. Fast tat es ihm leid, dass er nicht bei diesen Menschen geblieben war. Aber er konnte nicht anders. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatten die Menschen ihn gefangen gehalten. Jetzt rief die Freiheit mit gebieterischer Kraft. Der Owtscharka drehte sich um und trabte den Hügel hinunter. Nach etwa fünfhundert Metern begann der Wald. Ein schmaler Wildpfand schlängelte sich zwischen dicht stehenden Kiefern nach Süden. Ohne zu zögern lief der Hund den Weg entlang.

 

Es war Ende September.

Längst waren die Störche auf ihrem Weg nach Süden, und auch alle Schwalben befanden sich auf der Reise. Herrlicher Herbst hatte mit einer erfrischenden Regenperiode die heißen Sommerwochen abgelöst. Das machte staubige Tage voll flirrender Mittagshitze ebenso vergessen wie trockene Wege und dürstende Wiesen. Feuchte Rinnsale dehnten sich zu murmelnden Bächen, schmale Lachen zu lebenden Teichen. Die Natur glich aus, was sie in der langen Sommerzeit versäumt zu haben schien. In der Luft schwang noch die Frische des Morgens. Tibor wurde des Staunens nicht müde. Was für eine Welt! Der Hof des Tierheimes mit seiner Zwingerbox und zuvor der Hof mit seiner Kette - mehr kannte er nicht. Die Erinnerung des kleinen Hundes an eine Sommerwiese war zu lange her, als dass er sie hätte hervorholen können. Während seiner Genesung waren die Leute aus dem Tierheim ab und an mit ihm im angrenzenden Wildpark spazieren gegangen. Bäume, Sträucher, Gräser - all das kannte Tibor bereits. Man hatte ihm Gelegenheit gegeben, lange und ausgiebig Wegränder zu beschnuppern und fremde Gerüche zu sortieren. Er wusste auch, dass es noch andere Lebewesen als Hunde und Menschen gab. Doch all das lag für ihn weit zurück, und er beeilte sich, es zu vergessen. Jetzt war er frei, in einer neuen Welt, in einem neuen Leben.

 

Der Owtscharka hatte kein Ziel.

Er lief einfach weiter. Rast machte er nur, um aus einem der zahlreichen Bäche das kalte, klare Wasser zu trinken. Mit seinen ausgeprägten Sinnen nahm der Hund die kleinsten Geräusche wahr. Er roch die feinste Spur und erkannte, wann und in welche Richtung der Fuchs seinen Weg gekreuzt hatte. Tibor hörte das Rascheln der Haselmaus im dichten Laub und sah den Specht in seiner Baumhöhle verschwinden. Er registrierte jede Bewegung, jeden Laut. Fast alles war neu, und doch irgendwie vertraut. Der ihn umgebene Wald wurde dichter. Zahlreiche Spuren kreuzten seinen Weg. Er kannte keine davon. Ringsumher wuchsen große Fichten zwischen zahlreichen Laubbäumen. Das Laub hielt noch am sommerlichen Grün fest. Lautlos schlängelte sich eine Ringelnatter durchs feuchte Gras.

 

Die Sonne ging unter.

Der Owtscharka langte am Rand einer kleinen Lichtung an. Er verspürte keine Lust mehr, weiter zu gehen. Stundenlanges Laufen in frischer Waldluft ermüdet selbst einen großen Hund. Tibor legte sich auf das weiche Gras und schlief sofort ein. Auf einem Hügel hinter dem Wald erhob sich der mächtige Bergfried der Burg Rabenstein. Tibor war im Fläming angelangt. Der kleine Höhenzug mit sanften Hügeln und dichten Mischwäldern beherbergte zahlreiches Wild. Damhirsch, Reh und Wildschwein, sogar Mufflons fanden hier eine Heimstatt. Fuchs und Marder zogen sorglos ihre Jungen auf. Der Bussard drehte stolz am Himmel seine Kreise. Tibor schlief, doch der Wald um ihn herum war voller Leben. Unweit rief der seltene Rauhfußkauz eine Botschaft in die Nacht. Von irgendwoher antwortete die Waldohreule. Eine Rötelmaus beendete ihr Leben mit einem dünnen Schrei unter Meister Reineckes  spitzen Zähnen. Unermüdlich zirpten Grillen. Lautlos trat die Ricke aus dem Wald und schaute lange zu dem unbekannten, reglos liegenden Tier. Schließlich entschied sie, dass keine Gefahr von ihm ausging und trat auf die Lichtung, um sich an frischem Gras und schmackhaften Kräutern zu laben. Die zur Gruppe gehörenden Tiere taten es ihr gleich. Der Owtscharka registrierte jedes Geräusch. Ein Herdenschutzhund schläft nie vollständig. Er hat zwar die Augen geschlossen, atmet tief und ruhig, aber gleichzeitig sind alle Sinne auf seine Umgebung gerichtet. Bei der geringsten Gefahr springt er auf und ist sofort hellwach. An dieser Nacht war nichts bedrohlich. Wer sollte auch einem fast zwei Zentner schwerem und knapp einem Meter großem Raubtier gefährlich werden?

 

Der Nachtwanderer hatte seinen Weg noch nicht beendet, als seine ewige, unerfüllte Liebe erwachte. Mit flammendem Rot überzog die Sonne den Morgenhimmel und begrüßte den neuen Tag. Sie winkte dem Mond einen flüchtigen Gruß zu und stieg rasch höher. Tibor wurde von warmen Sonnenstrahlen wachgekitzelt und nieste. Seinen Durst stillte er im nahen Bach. Er sah sich unschlüssig um und lief schließlich in Richtung des gegenüberliegenden Waldes. Er hatte Hunger. Aber wo bekam er etwas zu fressen her? Der Hund hatte nicht gelernt zu jagen. Obendrein kannte er die Tiere des Waldes nicht. Er wusste nicht, wo und wie er Beute machen konnte, welche Spuren er verfolgen sollte. Tibor besaß die Kraft eines Riesen und das Wissen eines Welpen. Den ganzen ersten Tag seines neuen, freien Lebens lief er erfolglos durch Wald und Flur. Dabei bemühte er sich, den Behausungen der Menschen nicht allzu nahe zu kommen. Erfolg bei der Nahrungssuche war ihm nicht beschieden. Schließlich fraß er einige Grashalme und würgte sie wieder hervor. Das reinigte zwar den Magen, brachte darüber hinaus aber nicht viel. Am zweiten Tag stieß er gleich zu Beginn seiner Suche auf den Kadaver eines Hasen. Das Langohr hatte eine ziemlich große Bauchwunde. Tibor verschlang den bereits steif gewordenen Körper mit Haut und Haar. Zufrieden legte er sich unter eine Baumgruppe und schlief ein. Die folgenden Tage waren mehr von Hunger als vom Jagderfolg gekennzeichnet. Mal erwischte Tibor eine unvorsichtige Maus, dann wieder überraschte er ein Birkhuhn im Halbschlaf. Er grub Würmer aus und bekam dabei einen Maulwurf zu fassen. Selbst Frösche und Käfer verschmähte er nicht. Jedoch war all das nur geeignet, Appetit zu machen. Seinen Hunger stillten die kleinen Happen keineswegs. Einmal lief ihm ein junges Reh direkt vors Maul. Er brauchte nur noch zuzufassen. Der Owtscharka grub seine Zähne in das warme Fleisch und schlang, bis er nicht mehr konnte. Anschließend legte er sich zufrieden in den Schatten einer Buche und verschlief den Rest des Tages. Das Reh reichte für fünf Tage. Dann bekam Tibor wieder Hunger.

 

*****

Rädigke feierte Erntedank.

Jedes Jahr veranstaltete Gastwirt Bernd Moritz in seinem Gasthof “Zum Taubenhaus” ein großes Herbstspektakel. Haus, Hof, Scheune und die große Wiese am Bach waren Schauplatz für fröhliches Treiben. Sensendengler, Hufschmiede, Korbflechter - jede Art alten und neuen Handwerks konnte bestaunt werden. Die angefertigten Produkte wurden gleich verkauft und fanden reißenden Absatz. Von überall her kamen Schaulustige und Gäste. Das Erntedankfest in Moritz’ Gasthof war berühmt. Dazu gab es selbstverständlich Deftiges aus Topf und Pfanne, und manch einer hätte gern noch mehr gegessen. Kräftiges Bier und frisches Brot durfte ebenfalls nicht fehlen. Die freiwillige Feuerwehr hatte die Durchfahrtsstraße abgesperrt und eine Umleitung organisiert. Gleichzeitig richteten die Kameraden mehrere Parkplätze ein. Alle Einwohner des kleinen Flämingdorfes waren an diesem Sonntag auf den Beinen und mit dem Fest verbunden.

 

Auch im Hof des Hinzebauern blieb keiner zu Hause.

Niemand bemerkte das riesige Tier, das sich am Drahtzaun des Hühnerauslaufes zu schaffen machte. Natürlich bellte der Hofhund wie wild, aber der war eingesperrt und sicher auch ganz froh darüber. Eine Konfrontation mit dem Eindringling wäre für ihn übel ausgegangen. Das Bellen, wenn man es überhaupt hörte, nahm keiner ernst. Den ganzen Tag bellten überall Hunde. Fremde waren im Ort, es war Trubel - da musste ein ordentlicher Hund bellen. Der Owtscharka hatte vergeblich versucht, sich unter dem Zaun hindurchzugraben. Vor seiner Nase liefen unzählige Hühner hin und her und machten ihm mit ihrem sinnlosen Gegacker mehr und mehr Appetit. Tibors Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. Seit vier Tagen hatte er nichts mehr gefressen. Nicht mal eine mickrige Maus war ihm zwischen die Zähne gekommen. Er starrte auf das lebende Futter vor ihm. Speichel floss aus seinem Maul. Unschlüssig lief der Hund am Zaun auf und ab. Aus dem Dorf kamen die verführerischsten Gerüche. Der Hof, hinter dessen Zaun sich sein Abendessen befand, lag etwas abseits am Hang. Bis zum Wald waren es höchstens dreihundert Meter. Lange hatte Tibor aus dem Unterholz heraus das Anwesen beobachtet, bevor er sich zur näheren Erkundung entschloss. Wäre dieser nagende Hunger nicht, würde er menschlichen Behausungen niemals nahe kommen. Zu tief war das Misstrauen in ihm, zu frisch die Erinnerung an Misshandlung und Qual. Der Owtscharka stellte sich am Zaun hoch und stemmte sein Körpergewicht gegen den Maschendraht. Links und rechts von ihm staken die Pfosten nicht sehr fest in der Erde. Sie gaben nach. Tibor fiel mitsamt dem zu Boden gehenden Zaunfeld in den Hühnerhof. Lärmend stob das Federvieh auseinander. Wie ein Wirbelwind fuhr der Hund zwischen die Hühner und würgte, was er  zu fassen bekam. Er fiel in einen Rausch und tötete, bis sich nichts mehr regte. Stille. Selbst der Hofhund gab keinen Laut von sich. Von unten drang leise Tanzmusik herauf. Der Hinzehof lag etwas erhöht. Bis zur Ortsmitte waren es zehn Minuten Fußweg. Durch die entstandene Lücke im Zaun konnten die meisten Hühner nach draußen fliehen und hatten sich rings um das Gehöft verteilt. Zehn, fünfzehn Stück Federvieh jedoch lag tot am Boden. Tibor machte keine großen Umstände und fraß das erste Huhn innerhalb von fünf Minuten. Nur die Beine ließ er übrig. Es war eine kleinwüchsige Rasse. Für den zweiten Vogel brauchte er etwas länger. Dann versuchte er, drei seiner Beutetiere mitzunehmen, schaffte allerdings nur zwei. Das dritte Huhn rutschte ihm immer wieder aus dem Fang. Bedauernd ließ er es zurück. Missmutig gab ihm sein übervoller Magen zu verstehen, dass er schnelles Laufen nach dem Essen überhaupt nicht mochte. Tibor war klug genug, auf ihn zu hören und hielt auf dem Berg an. Er legte sich auf den Boden und schlief sofort ein. All seine Sinne waren auf die Geräusche des Dorfes gerichtet. Die Sonne stand tief am Himmel. Die Menschen feierten. Als der Abend hereinbrach, gingen auf dem Moritzhof und dem Festplatz die Lichter an. Es herrschte ausgelassene Stimmung. Der Hinzebauer war mit seiner ganzen Familie ebenfalls dort. Niemand hatte den Überfall bemerkt.

 

Tibor lief nach dem Erwachen eine halbe Stunde in schnellem Trab tiefer in den Wald, bis er eine günstig scheinende Stelle fand. Dort grub er die beiden Hühner ein und lief noch einmal zurück. Jammerschade um das schöne Fressen. Er wollte es nicht zurücklassen. Diesmal gelang es ihm, drei der vormals stolzen Eierleger zugleich am Hals zu fassen und wegzutragen. Der Hund war klug genug, sein Glück nicht weiter auf die Probe zu stellen. Er beließ es bei den fünf Hühnern, die er gut versteckte. Eigentlich hätte er sich jetzt schlafen legen sollen. Aber eine innere Stimme sagte ihm, dass es besser wäre, den Schlafplatz einige Kilometer weiter weg zu wählen. Tibor lief bergan, bis die Burg Rabenstein in Sicht kam. Dort bog er nach links ab, unterquerte wenig später die Autobahn und wandte sich in Richtung Klein Marzehns. Irgendwann entdeckte er am Rande eines Birkenwäldchens eine vom Regen ausgewaschene Mulde. Dies schien ein guter Platz. Der Owtscharka rollte sich in eine bequeme Stellung und lauschte in die Nacht. Alles war ruhig. Von weit her trug der Wind die Geräusche der Autobahn. Feiner Nieselregen setzte ein.

 

*****

 

 “Und ich sage dir, es war ein Wolf!”

Der Hinzebauer schlug mit seiner Faust auf den Tisch, dass die Gläser wackelten.

“Mach dich nicht lächerlich, Paul. Wo soll denn hier auf einmal ein Wolf herkommen.”

Zum wiederholten Male erhitzte dieses Thema die Stammtischrunde. Bauer Hinze hatte am Tag nach dem Erntedankfest den niedergetrampelten Drahtzaun und die toten Hühner entdeckt. Das restliche Federvieh war rasch eingefangen, auch der Zaun konnte schnell repariert werden. Eine Zählung der übrig gebliebenen Vögel wäre ziemlich sinnlos gewesen, denn Hinze wusste nicht, wie viele Hühner er eigentlich besaß. Nach den umherliegenden Überresten zu urteilen, hatte der Eindringling mindestens acht seiner Eierleger gefressen. Ein Fuchs schaffte das nicht. Ein Marder hätte sicher nicht so viele flatternde Leckerbissen am Leben gelassen. Ein wildernder Hund wäre über den Zaun geklettert oder hätte sich darunter durchgegraben. Es konnte nur ein Wolf gewesen sein. Der demolierte Zaun sprach für ein riesiges, starkes Tier. Die entdeckten Spuren unterstützten ebenfalls diese Theorie.

“Der hat Pfoten, so groß wie meine Hand.”

Zur Bekräftigung legte der Bauer seine schwielige Hand auf den Tisch und machte mit den Fingern eine krallende Bewegung.

“Schade, dass der Regen alle Spuren verwischt hat, was Paul?”

Grinsend schaute Willi Ehrenberg vom Nachbartisch herüber. In der Nacht des Erntedankfestes war aus Richtung Coswig / Wittenberg ein breites Regenband herangezogen und hatte alle Spuren verwischt. Hinze wurde sich mit Grabow, Möbius und Menkenhagen einig, dass eine Suche mit Jagdhunden erfolglos bleiben würde. Die drei gingen, wenn es ihre karge Freizeit erlaubte, dem Waidwerk nach. Ihnen kamen auch manchmal wildernde Hunde vor die Flinte. Leider mussten sie immer diese Tiere schießen. Im vorliegenden Fall lag außer Hinzes Aussage kein Anhaltspunkt vor. Auch aus Raben, Neuendorf und Buchholz trafen keine diesbezüglichen Meldungen ein. Der angebliche Wolf hatte sich nach jener Nacht nicht wieder bemerkbar gemacht. Dessen ungeachtet bestimmte er seit einer Woche die Gespräche am Stammtisch und im Dorf.

“Vielleicht bist du ja selber gegen deinen wackligen Zaun gefallen und hast dabei deine eigenen Hühner erschlagen”, witzelte einer seiner Tischnachbarn.

“Ganz sicher nicht, du Klugscheißer!”

Paul Hinze wurde langsam wütend. Er hatte den Schaden und dazu noch den Spott der Leute.

“Vielleicht war es ja auch dein Bernhardiner, der meinen Zaun niedergewalzt und dann die Hühner gekillt hat. Das Gewicht dazu hat er, und so oft wie er dir schon ausgerissen ist, wäre es gar nicht so unwahrscheinlich. Darüber solltest du mal nachdenken.”

Der Bauer machte ein verlegenes Gesicht. Paul hatte recht. Der Rüde war schon mehrfach ausgebüxt und durchs Dorf gestromert. Dabei hatte wohl auch schon mal ein Huhn dran glauben müssen. Aber so etwas? Nee, nee, das machte sein Asko nicht. Bevor Erich Gotthardt zu einer Erwiderung ansetzen konnte, mischte sich der Wirt ein.

“Hört auf zu streiten, Leute. Wolf oder nicht Wolf. Irgendein Tier hat dem Paul die Hühner abgemurkst. Daran besteht kein Zweifel. In Sachsen soll es ja wieder Wölfe geben, vielleicht sind sie auch schon in Sachsen Anhalt, wer weiß. Möglicherweise hat sich einer zu uns verirrt. Kann alles sein. Allerdings habe ich noch nicht gehört, dass Wölfe Zäune niederreißen. Wenn der Pfotenabdruck wirklich so groß wie deine Hand war, Paul, dann haben wir es mit einem Grizzlybären zu tun.”

“Nun ja, ganz so riesig war die Spur vielleicht doch nicht”, gab der Angesprochene zögernd zu.

“Aber es war ein großes, schweres Tier.”

“Jedenfalls nicht mein Asko”, rief Bauer Gotthard dazwischen.

“Das behauptet doch keiner, Erich. Bleibt doch mal friedlich.”

Gastwirt Moritz versuchte, die Situation zu entspannen.

“Ob nun ein wildernder Hund, ein Wolf oder zweibeinige Hühnerdiebe, die den Festtrubel ausgenutzt haben - ein weiteres Mal ist Gott sei Dank nichts passiert. Vielleicht bleibt es dabei. Jedenfalls sollten unsere Waidmänner”, dabei nickte er in Richtung des Fenstertisches, an dem die Freizeitjäger saßen, “in nächster Zeit ruhig öfter und länger ihren Pirschgang machen. Alle anderen halten ebenfalls die Augen offen. Wer irgendetwas Verdächtiges bemerkt, sagt mir sofort Bescheid. Ich sorge schon dafür, dass es dann unter die Leute kommt. Und jetzt gebe ich einen aus.”

Hocherfreut über die ungewohnte Spendierlaune des Wirtes nahmen die Gäste ihre Unterhaltung wieder auf. Das “Taubenhaus” war an diesem Samstagabend gut besucht. Bernd Moritz hatte einige Zeit zu tun, alle Gläser für die Stubenlage zu füllen. Die Gespräche an allen Tischen drehten sich ausnahmslos um Wölfe. Es wurde Mitternacht, ehe der Wirt die Tür hinter dem letzten Gast schließen konnte.

 

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Kaukasen küsst man nicht   -   216 Seiten, A 5 broschiert, 10 Farbfotos  -  ISBN 3-8334-3005-2   -   14,90 Euro

 

 

Hintergründe

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit 1997 ist auf unserem Grundstück ein Kaukasischer Owtscharka, eine Hündin, zu Hause. Es ist ein Fundhund, der von Unbekannten an einen Laternenpfahl in Potsdam angebunden wurde. Mitarbeiter des Tierheimes befreiten ihn aus seiner misslichen Lage und 14 Tage später zog „Jana“ bei uns ein. Ohne Ahnung von dieser Rasse zu haben, ja ohne Hundeerfahrung überhaupt, ließen wir uns auf dieses Abenteuer ein. Neben guter Fachliteratur, halfen uns unter anderem auch zahlreiche Beiträge in Fernsehsendungen zu diesem Thema, sowie Ratschläge von „Listenmitgliedern“ mit den Eigenarten und Besonderheiten eines Herdenschutzhundes zurecht zu kommen, der nichts anderes im Kopf hat, als seine Herde zu beschützen und das Territorium zu verteidigen.

Geboren aus den vielen kleinen Erlebnissen, die wir auf Spaziergängen hatten, aus meiner Liebe zu Tieren und der Natur generell und natürlich mit einer gehörigen Portion Fantasie versehen, entstand dieser Roman, den ich Ihnen hiermit empfehlen möchte.

Das Buch „Kaukasen küsst man nicht“ ist weder Fachliteratur noch erhebt es Anspruch auf Wahrhaftigkeit in allen Teilen. Dennoch gibt es einen kleinen Einblick in das Wesen dieser prächtigen Hunde, die unter den geschilderten Umständen gar nicht anders handeln können. Wenn es auch insgesamt eine erfundene Geschichte ist und so mancher Kenner oder Züchter bei manchen Stellen die Hände über dem Kopf zusammen schlagen wird, so ist es doch, wie ich finde, ein schönes, spannendes Buch geworden, das anschaulich den (möglichen) Weg einer Hunderasse vom Ursprungsgebiet nach Deutschland beschreibt. Auch sind sehr viele persönliche Erlebnisse in die Erzählung mit eingeflossen, die mehr oder weniger diese eigenwillige Rasse charakterisieren. Da Sie, bzw. Ihr Verein/Liste/Interessengemeinschaft sich mit Herdenschutzhunden beschäftigt, wird Sie die romanhafte Bearbeitung dieses Themas sicher interessieren.

Unser Kaukase ist nun mittlerweile neun Jahre alt, eine Hündin. Sie hat Hüftprobleme, hatte schon mal einen Bänderriss, den wir operieren ließen und rennt nicht mehr wegen jedes Radfahrers zum Tor. Dennoch nimmt sie Ihre Wachaufgaben immer noch sehr ernst, und es ist unmöglich, mit ihr in der Dämmerung weiterzugehen, wenn hinter oder neben uns (wir wohnen an Wald und Feld) ein Fußgänger mit oder ohne Hund oder ein anderes, bewegliches Objekt auftaucht.

Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, wird unser nächster Hund wieder ein Kaukase sein, und dass es ein Tierheimhund sein wird, ist auch klar.

 

Wolfgang H. Walther

Damsdorf, Mühlenstraße 13

14797 Kloster Lehnin

Tel.: 03382/702778 - Fax.: 040 3603 583696

Funk: 01728808169 - E-Mail: wolwalther@aol.com

 

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